"Prozess gegen Deutschland": Milo Raus Scheinverhandlung über ein AfD-Verbot polarisiert
Margit AtzlerRegisseur Milo Rau stellt die AfD im Theater vor Gericht - "Prozess gegen Deutschland": Milo Raus Scheinverhandlung über ein AfD-Verbot polarisiert
Die Hamburger Lessing-Tage – ein etabliertes politisches Festival – enden in diesem Jahr mit einer kühnen und umstrittenen Inszenierung. Die von Matthias Lilienthal kuratierte Ausgabe 2024 schließt mit einem dreitägigen Scheinprozess unter dem Titel "Prozess gegen Deutschland" im Thalia Theater. Der Schweizer Regisseur Milo Rau, bekannt für seine provokanten postdramatischen Arbeiten, leitet das Projekt, das die Frage erörtert, ob die rechtspopulistische AfD verboten werden sollte.
Die Hamburger Lessing-Tage wurden 2010 auf Initiative von Joachim Lux, dem damaligen Intendanten des Thalia Theaters, ins Leben gerufen. Seither haben sie sich zu einer Plattform für politische und künstlerische Debatten entwickelt. Für die diesjährige Ausgabe, die Lilienthal – der bald die künstlerische Leitung der Berliner Volksbühne übernehmen wird – geprägt hat, bildet Raus neueste Produktion den Höhepunkt.
Der "Prozess gegen Deutschland" wird als fiktive Gerichtsverhandlung inszeniert, complete mit Juristen und Rechtsexperten. Den Vorsitz über die Anhörungen führt Herta Däubler-Gmelin, Deutschlands ehemalige Bundesjustizministerin. Die Veranstaltung lotet die juristischen und ethischen Argumente für ein AfD-Verbot aus – ganz im Stil von Raus früheren Arbeiten, die Theater mit realen politischen Themen verbinden.
Rau hat bereits mehrfach aufsehenerregende Scheinprozesse auf die Bühne gebracht. Sein Stück "Das Kongo-Tribunal" (2015) untersuchte die Ausbeutung von Rohstoffen in der Demokratischen Republik Kongo und ließ echte Zeugen in Berlin und Bukavu zu Wort kommen. Zuvor hatte "Die Moskauer Prozesse" (2013) Stalins Säuberungen nachgestellt, während die "Hass-Trilogie" (2010–2012) Rassismus und Homophobie anhand von Dokumentarmaterial aufarbeitete. Diese Projekte entstanden unter anderem im Rahmen von Festivals wie der documenta und dem Festival von Avignon sowie an Häusern wie dem belgischen NTGent und der Berliner Schaubühne.
In diesem Jahr bleibt der "Prozess gegen Deutschland" nicht auf die Theaterbühne beschränkt: Die Verhandlung wird live auf der Website des Thalia Theaters übertragen und ermöglicht so einem breiten Publikum, die Debatte zu verfolgen.
Der Scheinprozess bildet den Abschluss der diesjährigen Hamburger Lessing-Tage und verbindet Theater, Recht und politischen Diskurs. Mit einer ehemaligen Justizministerin als Vorsitzende und einer Live-Übertragung im Internet stellt das Projekt die rechtliche Stellung der AfD zur öffentlichen Diskussion. Raus Inszenierung führt damit seine Tradition fort, brennende gesellschaftliche Fragen mit den Mitteln des Theaters zu konfrontieren.
Urteil der Jury löst Debatte über die Zukunft der AfD aus
Die Jury des Schauprozesses hat am 15. Februar 2026 ihr Urteil gefällt und die AfD in bestimmten Bereichen für verfassungswidrig befunden. Das siebenköpfige Gremium entschied:
- Verletzung der Menschenwürde: 5 Ja, 2 Nein
- Forderung nach Überprüfung durch Verfassungsorgane: 5 Ja, 2 Nein
- Ausschluss der staatlichen Finanzierung: 4 Ja, 3 Nein Obwohl die Jury kein direktes Verbot empfohlen hat (2 Ja, 3 Nein, 2 Enthaltungen), zeigen ihre Empfehlungen eine polarisierte rechtliche Beurteilung der Verfassungsmäßigkeit der Partei.