Gottesdienst im Oktoberfest-Zelt: Wo Bierbänke zu Kirchenbänken werden
Margit AtzlerGottesdienst im Oktoberfest-Zelt: Wo Bierbänke zu Kirchenbänken werden
Ein Gottesdienst der besonderen Art fand diese Woche auf dem Münchner Oktoberfestgelände statt. Im Marstall-Zelt, wo sonst Bierkrüge aneinanderschlagen, versammelten sich Gläubige zum traditionellen Wiesn-Gottesdienst. Die Veranstaltung verband altbewährte Bräuche mit dem lebendigen Festtreiben – ein ungewöhnlicher Anblick in einem "Dorf" ohne festen Platz und ohne eigene Kirche.
Der Gottesdienst begann mit einem Halleluja, das von der Bühne erschallte, auf der sonst die Königlich Bayerische Vollgas-Orchester ihre Blasmusik darbietet. Statt beschwingter Wiesn-Melodien erfüllten Kirchenlieder den Raum, während die Menge aufstand und "Lobt den Herrn!" sang. Nur sechs Männer tranken während der Zeremonie – aus einem einzigen goldenen Kelch teilten sie sich den Wein.
Ein Mann trat ans Mikrofon und sprach die Worte: "Und führe uns nicht in Versuchung…" Die Szene war Teil einer wenig bekannten, aber langjährigen Tradition. Wie Pfarrer Sascha Ellinghaus, der für die katholische Seelsorge von Zirkus- und Schaustellerleuten zuständig ist, erklärt, finden in 20 bis 25 deutschen Gemeinden jährlich ähnliche Gottesdienste statt. Sie bringen oft Jahrmarktsmitarbeiter und lokale Gläubige zusammen – eine einzigartige Mischung aus Glaube und Festtagsstimmung.
Das sonst von Feiernden gefüllte Marstall-Zelt verwandelte sich für kurze Zeit in einen Ort der Andacht. Aus Bierbänken wurden Kirchenbänke, die Stimmung wechselte von ausgelassener Feierlaune zu besinnlicher Einkehr. Und doch blieb die Atmosphäre unverkennbar Wiesn: kein fester Dorfplatz, keine steinerne Kirche, nur ein Zelt voller Menschen, die mitten im Trubel des Oktoberfests einen Moment der Stille suchten.
Der Gottesdienst bot einen kurzen, aber eindrucksvollen Kontrast zum üblichen Oktoberfest-Treiben. Er zeigte, wie der Glaube sich auch in ungewöhnlichen Räumen entfaltet – manchmal mit einem Kelch, manchmal auf einer Bierbank. Für die Besucher war es eine Erinnerung daran, dass Tradition viele Formen annehmen kann.






